Stressbewältigung ist erlernbar

Manuela Forno Manuela Forno
Crossroads
Professionnal Guidance

Wir neigen gelegentlich dazu Stress mit Ansporn oder Stimulierung zu verwechseln. Stress und seine Auslöser zu erkennen und zu meistern erfordert die Fähigkeit in jeder Situation zu wissen mit welchem dieser Gefühle wir gerade konfrontiert sind.

Stress ist längst nicht mehr nur auf die Unternehmenswelt beschränkt. Seit einigen Jahren scheint sich dieser „Virus“ immer früher und in alle Bereiche unseres Lebens einzuschleichen. Betroffen sind heutzutage auch Studierende und sogar Kinder. Stress ist mehr als ein Modephänomen. Stress hat sich zu einem Gemütszustand und einem richtiggehenden Lebensstil entwickelt. Unsere Gesellschaft macht sogar folgende Wort assoziationen: Stress=interessantes Leben, Stress=Dynamik, Stress=Verantwortung. Aber Achtung: Langfristig ist Stress ein zweischneidiges Schwert. Stress bringt Ihnen zwar Adrenalinschübe und eine Abwechslung zum immer gleichen Alltagstrott, langfristig verbrennt er aber Ihren Organismus physisch und psychisch und führt zu den verschiedensten Störungen: Schlaflosigkeit, Geschwüre, Depressionen oder sogar Herzprobleme.

Im Umgang mit Stress ist deshalb Vorsicht geboten, man sollte zwischen nützlichem und schädlichem Stress unterscheiden können, sich vor letzterem schützen, indem man so früh wie möglich auf eine gesunde Lebensweise privat und im Beruf achtet.

Zwischen stress und ansporn unterscheiden

Man mag Ihnen zwar sagen, Stress habe positive Seiten. Grundsätzlich handelt es sich aber um eine von einem bedrohten Organismus abgegebene defensive Warnreaktion. Etymologisch stammt das Wort vom Lateinischen „stringere, stressus“ ab, was „gedrängt“, „eng“, „geschnürt“ bedeutet. In einer so genannten Stresssituation kann man im Grunde genommen ähnliche „Symptome“ beobachten: „Die Kehle wie zugeschnürt“, „ein flaues Gefühl im Magen“, „nicht wissen, wo einem der Kopf steht“ etc.

Stress darf nicht mit einem Gefühl der Aufgeregtheit verwechselt werden, das alle unsere Sinne und Ressourcen aktiviert und das in einer bestimmten Situation eine anspornende Wirkung zeigt. Man muss, wie einige es nennen, zwischen positivem und negativem Stress unterscheiden: Tatsächlich wird Stress Teil Ihres Alltags, sobald Sie ins Berufsleben einsteigen. Richtig mit Stress umgehen zu können ist sogar eine Fähigkeit, die bei den Arbeit- gebern sehr gefragt ist.

Erkennen, was einen stresst und was einen anspornt

Wichtig ist, dass jeder für sich herausfindet, was positiver und was negativer Stress für ihn bedeutet, denn eines ist klar: Stress ist nicht für jeden dasselbe. Für einige ist eine Präsentation vor Publikum stressig, für andere ist das aufregend. Bei einigen wird Arbeiten unter Druck in letzter Minute all ihre Ressourcen aktivieren und ungeahnte Fähigkeiten zum Vorschein bringen, bei anderen führt dies zu Blockaden, Schlaflosigkeit oder end- loser emotionaler _berbelastung. Deshalb müssen Sie sich selbst gegenüber absolut ehrlich und transparent sein. Je früher Sie für jede Situation Ihre Stress-Toleranzschwelle erkennen, desto schneller können Sie Strategien entwickeln, um diese Hindernisse zu umgehen und desto besser können Sie Ihr körperliches und psychisches Gleichgewicht bewahren.

Die hauptauslöser von stress

Die folgende Tabelle stützt sich auf die Studien von L.R. Murph über die Stressfaktoren am Arbeitsplatz. Wenn Sie noch studieren, werden Sie mühelos ähnliche Situationen in Ihrem jetzigen akademischen Umfeld finden. Suchen Sie anhand der unten stehenden Liste ehrlich nach den Situationen, die Sie wirklich stressen: Welche Situationen lösen körperliche Störungen und ein psychisches Unbehagen aus? Und vor allem: Nach welchen Situationen haben Sie sich jeweils völlig leer und ohne Energie gefühlt, ohne irgendeine persönliche Befriedigung zu verspüren?

SITUATION JA NEIN PROBLEM
1. Ich fühle mich schnell überlastet, wenn ich zu viel Arbeit zu erledigen habe. Planung
2. Es fällt mir schwer, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Organisation
3. Ich fühle mich gestresst, wenn ich für eine Aufgabe die Verantwortung übernehmen muss. Relativierung
4. Ich tendiere dazu, Tag und Nacht zu arbeiten, um meine Arbeit absolut perfekt auszuführen. Ausgeglichenheit
5. Ich fühle mich deprimiert, wenn ich eine Arbeit erledigen muss, die mir nutzlos erscheint und/oder deren Wert niemand erkennen wird. Anerkennung Selbstvertrauen
6. Ich habe Angst davor, von meinem Vorgesetzten/ Dozenten ein schlechtes Feedback zu erhalten. Beziehungen
7. Die Arbeit, die mir übertragen wird, übersteigt meine Fähigkeiten bei weitem. Selbstbestätigung
8. Der Gedanke daran, anderen meine Arbeit präsentieren zu müssen, macht mich sehr nervös. Kommunikation
9. Die Arbeit, die man mir normalerweise überträgt, inspiriert mich in keiner Weise. Motivation
10. Ich weiss überhaupt nicht, was von mir erwartet wird oder was ich tun muss, um meine Vorgesetzten/Dozenten zufrieden zu stellen. Transparenz

Wie bewältige ich meinen stress?

Jede der oben genannten Situationen greift auf eine Fähigkeit zurück, die Sie um jeden Preis entwickeln müssen, wenn Sie verhindern wollen, dass Ihnen der Stress kurz- oder mittelfristig über den Kopf wächst.
Die verschiedenen Techniken der Stressbewältigung können hier nicht im Detail besprochen werden; wir möchten Ihnen nur einige Tipps geben. Sie können danach im Internet weitere Artikel und Methoden diesbezüglich finden, z. B. auf der ausgezeichneten Webseite www.stressnostress.ch..

1. Planungsprobleme

Für manche Menschen reicht eine Frist, selbst wenn sie langfristig festgesetzt wurde, aus, um innerlich angespannter zu sein. Bei solchen Schwierigkeiten ist eine gute Arbeitsplanung ein ausgezeichnetes Gegenmittel. Bevor Sie sich mit vollem Einsatz in Ihre Aufgabe stürzen, nehmen Sie sich kurz Zeit, alle Teilaufgaben für die Erreichung des Endzieles zu planen und setzen Sie sich Fristen für die einzelnen Aufgaben. Wenn Sie sich schon nur alles klar vergegenwärtigen, wird Ihr innerer Druck nachlassen.

2. Organisationsprobleme

Auch in diesem Fall ist es wichtig, einen Moment Abstand zu gewinnen, um die Aufgaben hierarchisch (mit abnehmender Wichtig- keit) zu ordnen und Prioritäten (mit abnehmender Dringlichkeit) festzulegen. Erstellen Sie jeden Tag eine neue Checkliste der zu erfüllenden Aufgaben. So stressen Sie sich nicht damit, sich an alles zu erinnern, was Sie erledigen müssen. Konzentrieren Sie sich auf diejenigen Aufgaben, die dringend und wichtig sind und delegieren Sie, bitten Sie um Hilfe oder schieben Sie weniger dringende Aufgaben auf. Organisieren Sie Ihren Zeitplan realistisch, lassen Sie freie Zeit für Unvorhergesehenes und zum Ausruhen.

3. Relativierungsprobleme

Abstand kann auch nützlich sein, wenn illusorische Vorstellungen Ihnen Kopfzerbrechen bereiten. Oft misst man einer Situation zu viel Gewicht zu, was zu allen möglichen Schlussfolgerungen und Dramatisierungen führt. In diesen Augenblicken geht nichts über eine Neubetrachtung der Stresssituation aus einer objektiveren und angemesseneren Sichtweise. Fassen Sie mit Hilfe Ihrer Freunde Ihre Gefühle in Worte, sprechen Sie über den wahren Grund für Ihren Stress. Das ist oft der beste Weg, um Stress abzubauen, seine Sichtweise der Situation zu ändern und Lösungsansätze zu finden.

4. Fehlende Ausgeglichenheit

Um leistungsfähig zu bleiben, braucht Ihr Körper auch Ent- spannung und Ruhe. Man meint oft, Ausspannen sei Zeitver- schwendung – doch das Gegenteil ist der Fall. Ihr Körper braucht Endorphine, um leistungsfähig zu sein. Diese werden vor allem während sportlicher und anderer Aktivitäten, die das Wohlbefinden steigern oder Freude bereiten, ausgeschüttet. Gönnen Sie sich deshalb richtige Pausen: Entspannung, Meditation, Lachen, Sport, Freizeitaktivitäten, kulturelle Veranstaltungen, gesunde Ernährung: Es gibt nichts Besseres, um diese wunderbare Maschine unseren Körper 100 % leistungsfähig zu halten. Wählen Sie, was Ihnen am ehesten zusagt.

5. Fehlende Anerkennung

Oft deutet fehlende Anerkennung durch andere auf fehlende Anerkennung seiner selbst hin. Stellen Sie zu hohe Ansprüche an sich selber? Bringen Sie Ihre eigenen Fähigkeiten wirklich zur Geltung? Unter solchen Umständen ist es wahrscheinlich, dass die anderen Personen, genau wie Sie selbst, nicht erkennen, was Sie beitragen. Da gibt es nichts Besseres als eine Standortbestimmung, eine Selbsteinschätzung, um herauszufinden, was Sie wirklich gerne beitragen und anbieten möchten. Von Fachleuten im Bereich der Berufsberatung entwickelte Werkzeuge zur Einschätzung und zur Selbstkenntnis (MBTI®-Test, HBDI ©, PULSIONS ®, etc.) können Ihnen helfen, diese ungeklärte Frage zu lösen.

6. Zwischenmenschliche Probleme

Manchmal sind es mehr die Personen als die Situationen, die den grössten Stress auslösen: Eine anspruchsvolle oder autoritäre Person kann manchen Menschen schlaflose Nächte bereiten. Diese Probleme stehen oft mit den im nächsten Abschnitt beschriebenen im Zusammenhang – mit fehlender Selbstbestätigung. Vergessen Sie auf jeden Fall eines nie: Unabhängig davon, wer Ihnen gegenüber sitzt, ob diese Person eine wichtige Position besetzt oder nicht, haben Sie uneingeschränkt Anrecht darauf, respektiert zu werden und keine Situation, sei sie auch noch so ernst, rechtfertigt einen Macht- oder Einflussmissbrauch gegenüber anderen.

7. Fehlende Selbstbestätigung

Genügend Selbstbestätigung ist ein wichtiger Bestandteil einer guten Stressbewältigung, um angesichts der Forderungen anderer Personen oder Ihres Umfeldes Grenzen zu setzen. Verschiedene Alltagssituationen können Sie aus der Fassung bringen, wenn Sie Schwierigkeiten damit haben, sich selbst spontan zu behaupten (z. B. nicht zugeben, dass einem ein bestimmter Bereich Schwierigkeiten bereitet, keine Arbeit ablehnen können, widerwillig die Arbeit der anderen übernehmen). Das Gefühl, Aufgaben nicht erfüllen zu können, die man nicht ablehnen konnte, ist eine Stressquelle, die Sie eliminieren können! Auch hier müssen Sie ehrlich sein und klar kommunizieren. Sie müssen vor allem lernen, bei einer Anfrage, die Sie nicht bewältigen oder unmöglich einhalten können, nein zu sagen.

8. Kommunikationsprobleme

Der Stress, eine Arbeit vor anderen Personen präsentieren zu müssen, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, um mit Unbekannten zu sprechen, kann beunruhigende Ausmasse annehmen: Lampenfieber, Stottern, Schlaflosigkeit, ein Gefühl der Lähmung. Für diejenigen, die von diesem Aspekt des Stresses betroffen sind, gibt es kein Allheilmittel; Sie können bloss die Situation relativieren, sich vorbereiten, sich mit Hilfe von verschiedenen, oben genannten Techniken entspannen. Wichtig ist, das Problem zu erkennen und sicherzustellen, dass diese Art von Aktivitäten nur einen sehr kleinen Teil Ihrer Arbeit ausmachen. Stehen Sie trotzdem vor einer solchen Situation, bereiten Sie sich frühzeitig darauf vor, unterstützt durch Ihre Freunde, Kollegen, Vorgesetzten oder einen Coach.

9. Fehlende Motivation

Motivationsprobleme sollten wie fehlende Anerkennung (siehe Punkt 5) behandelt werden. Es geht darum, sich zu fragen, welche Werte und Beiträge Sie jeden Tag anspornen, sich von Ihrer besten Seite zu zeigen. Selbst wenn es unmöglich sein sollte, das Arbeitsumfeld zu wechseln, sprechen Sie mit Ihrem Vorgesetzten oder Ihrem Dozenten, um einen Arbeitsbereich zu finden, der besser auf Sie und Ihre Motivationsgründe abgestimmt ist.

10. Fehlende Transparenz

Mehr noch als Stress angesichts von Unbekanntem können einen unklare Situationen oder Forderungen in Panik versetzen. Es ist unumgänglich, die Erwartungen und Ziele jedes einzelnen klar zu bestimmen, bevor man eine Aufgabe in Angriff nimmt. Desgleichen muss jedes Problem genau bestimmt und kommuniziert werden, eine Lösung sollte vorgeschlagen oder zusammen erarbeitet werden. Behalten Sie Ihre Probleme nicht für sich in der Hoffnung, dass sie sich von selber in Luft auflösen werden. Verhalten Sie sich transparent gegenüber sich selbst und den Personen in Ihrem Arbeitsumfeld.

Stress ist ein allgegenwärtiger Bestandteil jedes Arbeitstages und zeigt sich je nach Person auf andere Weise. Zu behaupten, man habe seinen Stress unter Kontrolle ist unlogisch: Man würde damit behaupten, etwas kontrollieren zu können, was nicht kontrollierbar ist. Wesentlich für Ihren Alltag ist jedoch, die Anzeichen von Stress zu erkennen, die Ursachen zu bestimmen und Wege zu finden, den zeitweiligen Druck abzubauen. So werden Sie dem Stress nicht ohne es zu merken ins Netz gehen und Sie können sich Situationen ersparen, die Ihnen ganz einfach nicht liegen. Mit anderen Worten: Sie können sich selbst als Mensch voll und ganz respektieren.